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Kritiken

24. Februar bis 06. Juni 2010

Der Freischütz
Oper von Carl Maria von Weber

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www.mopo.de - Artikel vom 02.03.2010

KURZ & KRITISCH

"Der Freischütz" im Allee-Theater

CHRISTOPH FORSTHOFF

Warum muss Max' Kugel nur die Erbförstertochter Agathe treffen? Misstraut Regisseurin Rebekka Stanzel dem Happy End in Webers "Freischütz" so sehr? Egal, die zwei Stunden zuvor bereiten dafür so viel Vergnügen, dass man diesen Eingriff rasch vergisst. Wie auch die überzogene Figur des Max, dem Keith Boldt allzu autistische Außenseiterzüge gibt. Warum sollte Agathe (voll innig-lyrischem Sehnen: Nadja Klitzke) solch einen verstörten Jägerburschen lieben? Dafür fahren Pavel Bilek (Bühne) und Barbara Hass (Kostüme) in liebevollen Details alles auf, was die deutsche Romantik zu bieten haben. Und die Verlegung der Spielfläche mitten in den Raum ist ein schlicht genialer Schachzug: Die Geister erschrecken auch schon mal die Besucher, während Max und Kaspar (kraftvoll-hinterhältig: Ryszard Kalus) verhängnisvolle Bleikugeln gießen.

Fazit: Die kleine Sänger-Crew spielt voller Lust, und das Mini-Orchester entfaltet ein bildhaftes Klangspektrum. (ff)

MOPO-Wertung: ****

Allee-Theater: Bis 6.6., div. Uhrzeiten, 20-30 Euro

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Hamburger Abendblatt
2. März 2010

Allee-Theater

Rambazamba in der Wolfsschlucht

Hamburg. Der Jubel war groß, wie es sich bei einer gelungenen Premiere gehört. Stammgäste im Allee-Theater an der Max-Brauer-Allee - und von ihnen gibt es viele - wissen natürlich, dass nicht alles neu war bei diesem "Freischütz". Die Idee, die Bühne längsseits im kleinen Zuschauerraum und die Zuschauer drum herum auf drei Seiten zu postieren, hatte sich vor zehn Jahren bereits Pavel Bilek ausgedacht - so hat man Auge und Ohr noch dichter dran.

Thomas Hengelbrocks straff auf Kontraste gebürsteter "Freischütz"

Neu aufgesetzt hat Regisseurin Rebecca Stenzel die Handlung um den fatalen Probeschuss, der für den Jägerburschen Max vor der Eheschließung mit der Erbförsterstochter Agathe zum Verhängnis wird. Die Inszenierung macht Max' Versagensängste zu Netzen, die ihn mehr und mehr fesseln, und zum Dreh- und Angelpunkt des Kampfs von dumpfer Ahnung böser Mächte gegen den kindlich reinen Glauben, der in Carl Maria von Webers Oper aus dem Jahr 1821 abläuft. Das Übersinnliche, Geister, Gespenster und der finstere Samiel - das alles taucht beim Gießen der Freikugel auf - großes Rambazamba in der mitternächtlichen Wolfsschlucht! Da rauscht dann sogar minutenlang ein echter Wasserfall auf die Bühne.

Die Geister sind aber vor allem eine Ausgeburt von Max' Verwirrung und Verzweiflung und seiner Verstrickungen in die Einflüsterungen des Teufelsknechts Kaspar. Am Ende trifft die siebente Freikugel die eigene Braut, und während sie tot daliegt, verfällt Max endgültig dem Wahnsinn; er hält eine zweite Agathe im Arm und tanzt mit ihr ins mentale Nichts. Für ihn kommt die Abschaffung des Probeschusses zu spät.

Die Sängerdarsteller agieren durchweg auf hohem Niveau und finden auch als Ensemble Überzeugend zusammen. Der Max von Keith Boldt bringt tenorale Strahlkraft mit (zu hören trotz der Erkältungsreste am Premierenabend); seiner zauberhaften Agathe (Nadja Klitzke) fehlte hin und wieder die Stütze, um auch längere Spannungsbögen zu halten. Das macht Esther Puzak als quirliges Ännchen mit erstaunlicher Sicherheit und Spielfreude ebenso wett wie der kräftige Bass von Kaspar (Ryszard Kalus).

Das achtköpfige Mini-Orchester leitete Fabian Dobler mit großem Einsatz - immer wieder erstaunlich, wie gut in den Arrangements der Kern der Musik erhalten werden kann.

Wer das Allee-Theater schon kennt, freut sich in diesem "Freischütz" Über ein Wiedersehen mit einer großartigen Inszenierung. Wer zum ersten Mal hingeht, sollte sich vorsehen: Die Nähe zum Bühnengeschehen und das intime Ambiente dieses wunderbaren kleinen Opernhauses können süchtig machen!

Der Freischütz Allee-Theater, Max-Brauer-Allee 76. Weitere Vorstellungen: In den nächsten beiden Wochen Mi, Fr/Sa jeweils 20.00, So, 19.00, danach auch Do, 20.00. Karten unter T. 040/38 29 59 (hjf)

Die WELT
26. Februar 2010

Neuer Wein aus alten Schläuchen, ganz im Sinne des Komponisten

Von Monika Nellissen

Erinnern wir uns: Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren hatte Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz schon einmal Premiere im Allee Theater. Damals kam das Horn zwar vom Band, aber sonst scheint auf den ersten Blick alles beim Alten in der neuerlichen, begeistert gefeierten Inszenierung der Kammeroper. Das fantastische Raum-Bühnenbild von Pavel Bilek mit Zentralpodest, das von den Zuschauern umrundet wird, ist jedenfalls dasselbe. Damit hört aber bereits die Gemeinsamkeit auf in einer Inszenierung, die gewissermaßen neuen Wein aus alten, komplett intakten Schläuchen kredenzt.

Regisseurin Rebekka Stanzel beschwört szenisch Bilder des Unheimlichen, ganz im Sinne des Komponisten. Es ist ein Nachtstück, das im Hirn des ängstlichen Versagers Max entsteht und gänzlich von ihm Besitz ergreift. Bereits während der Ouvertüre wird deutlich, von welchen Dämonen dieser Antiheld gejagt wird, der nur mit einem Meisterschuss die Trophäe Agathe (sie wird anrührend von Nadja Klitzke gesungen) zur Frau gewinnen kann.

Er lächelt irre, ist beseligt und fällt in tiefe Verzweiflung bei der Horrorvorstellung, er könne nicht treffen. Am Ende erschießt Max die Braut - auch das im Sinne der Urfassung - und findet sich nicht zurecht im Wahn. Gleich zwei Agathes halluziniert er, sich tanzend mit der imaginären Braut im Arm von der Albtraumwelt verabschiedend.

Das ist so bitter wie überzeugend. Doch schafft die Regisseurin heitere Gegengewichte, lässt Agathes Freundin Ännchen (Esther Puzak singt sie beherzt und höhensicher) beispielsweise mit dem Klarinettisten flirten. Auch die Wolfsschlucht mit ihrem Gruselzauber entspricht Webers Intention, es "nicht auf ein paar Gespenster und Gerippe ankommen zu lassen".

Das alles ist rund, selbst wenn sich das Geschehen noch flüssiger fügen und Fabian Dobler als kluger Dirigent des klangsatt spielenden Orchesterchens auch im ersten Teil der Oper sein Augenmerk auf die Sänger richten sollte, wie er es nach der Pause tut.

Wenn sich Keith Boldt von seiner Halsentzündung erholt hat, könnte er mit seinem heldisch gefärbten Tenor ein idealer Max sein. Ryszard Kalus besticht als verschlagener Nebenbuhler Kaspar mit profundem Bass-Bariton, während Marius Adam als Kuno Baritonbalsam verströmt. Alles in allem, Regie, Kostüme (Barbara Hass), Sänger- und Musikerensemble - hörens- und sehenswert.

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Der Freischütz
Allee Theater Kammeroper Hamburg GmbH & Co. KG - Max-Brauer-Allee 76 I 22765 Hamburg I Tel.: 040 382959 I Fax 040 3892921
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